Der Cabot Trail

10.06. – 12.06.2026 – Entschleunigung am Port Bickerton Lighthouse

Nach der erfolgreichen Flucht vor den Black Flies und dem Einrichten unseres Küstenquartiers am Port Bickerton Lighthouse beschlossen wir kurzerhand, gleich zwei weitere Nächte zu bleiben. Eine Entscheidung, die wir keine Sekunde bereuten.

Der kleine Leuchtturm wacht seit über hundert Jahren über die zerklüftete Atlantikküste Nova Scotias und bietet einen herrlichen Blick auf die vorgelagerten Inseln und das offene Meer. Von unserem Stellplatz aus konnten wir beobachten, wie Nebelbänke über den Atlantik zogen, die Sonne immer wieder dramatische Lichtspiele auf die Wasseroberfläche zauberte und Fischerboote ihren Weg durch die Buchten fanden.

Besonders begeistert haben uns die zahlreichen Wanderwege rund um den Leuchtturm. Die Trails führen durch dichte Wälder, vorbei an felsigen Küstenabschnitten und immer wieder zu Aussichtspunkten, die zum Verweilen einladen. Die Hunde hatten mindestens genauso viel Spaß wie wir und erkundeten jede noch so kleine Abzweigung mit großer Begeisterung.

Es sind genau diese Orte, an denen man merkt, warum Reisen mit dem eigenen Expeditionsmobil so besonders ist. Kein Zeitdruck, keine festen Pläne – einfach dort bleiben, wo es schön ist.

12.06. – 13.06.2026 – Zwischenstopp in Louisdale

Irgendwann mussten jedoch die praktischen Dinge des Reisealltags erledigt werden. Deshalb führte uns die nächste Etappe nach Louisdale auf Cape Breton Island.

Hier stand zunächst die Versorgung unseres rollenden Zuhauses im Vordergrund. Grauwasser entsorgen, Frischwasser bunkern und die üblichen Kontrollen durchführen. Expeditionen bestehen eben nicht nur aus spektakulären Landschaften, sondern auch aus ganz profanen Aufgaben.

Für die Nacht fanden wir einen einfachen Parkplatz direkt am Meer in der Nähe einer Brücke. Während die Abendsonne langsam über dem Wasser verschwand, genossen wir die Ruhe und beobachteten die Gezeiten, die hier bereits deutlich spürbarer werden als an der offenen Atlantikküste.

13.06. – 15.06.2026 – Nebelstimmung am Point Aconi Lighthouse

Weiter ging es entlang der Küste zum Point Aconi Lighthouse im Nordosten von Cape Breton Island.

Unser Stellplatz war außergewöhnlich: die Betonplatte eines längst verschwundenen Hauses direkt an der Steilküste. Vermutlich hatte hier früher einmal jemand einen der schönsten Ausblicke der Region direkt vor der Haustür.

Für uns wurde die verlassene Fundamentplatte für zwei Nächte zum perfekten Basislager.

Das Wetter zeigte sich typisch maritim. Kühl, feucht und häufig von dichtem Nebel geprägt. Während sich die Sicht teilweise auf wenige hundert Meter reduzierte, verlieh genau diese Stimmung der Landschaft ihren besonderen Reiz. Immer wieder tauchten Küstenabschnitte und Klippen plötzlich aus den Nebelschwaden auf, nur um kurz darauf wieder zu verschwinden.

Die Spaziergänge entlang der Steilküste gehörten zu den schönsten bisher auf dieser Reise. Kaum Menschen, das stetige Rauschen des Atlantiks und die beeindruckende Weite der Landschaft sorgten für eine fast meditative Atmosphäre.

16.06. – 17.06.2026 – Wasserfälle und Waldidylle bei St. Anns Bay

Langsam näherten wir uns dem wohl bekanntesten Abschnitt unserer Reise durch Nova Scotia: dem legendären Cabot Trail.

Bevor wir jedoch auf die berühmte Panoramastraße einbogen, verbrachten wir eine Nacht im Waldgebiet bei Oregon Meadow nahe St. Anns Bay.

Der Parkplatz dient vor allem als Ausgangspunkt für Wanderungen entlang des North River. Die Region ist bekannt für ihre Wasserfälle, und so machten wir uns auf den Weg zu den sogenannten Little Falls und Big Falls.

Die Wanderwege führten durch uralte Wälder, vorbei an moosbewachsenen Felsen und rauschenden Bachläufen. Immer wieder eröffneten sich Ausblicke auf die Wasserfälle, die sich ihren Weg durch die Schluchten bahnen.

Am frühen Morgen und in der Abenddämmerung begegneten wir einigen Anglern, die auf ihren Fang hofften. Ansonsten gehörte der Wald fast ausschließlich uns.

Naja – und den Black Flies.

Die kleinen Plagegeister hatten offenbar beschlossen, uns auch weiterhin treu zu begleiten. Während wir inzwischen eine gewisse Routine im Umgang mit ihnen entwickelt haben, scheinen sie unsere Anwesenheit mindestens genauso zu genießen wie wir die Landschaft.

17.06. – 19.06.2026 – Cabot Trail und das Ende der Straße

Dann war es endlich soweit.

Der Cabot Trail gilt als eine der schönsten Panoramastraßen Nordamerikas und führt auf rund 300 Kilometern einmal rund um den nördlichen Teil von Cape Breton Island. Die Strecke windet sich entlang steiler Küsten, durch tiefe Wälder und über die Höhenzüge der Cape Breton Highlands.

Und tatsächlich: Die Ausblicke sind spektakulär.

Immer wieder eröffnen sich Panoramen auf den Atlantik, steile Klippen und scheinbar endlose Küstenlinien. Hinter nahezu jeder Kurve wartet ein neues Fotomotiv.

Unser Ziel war jedoch noch etwas weiter entfernt.

Ganz im Norden der Insel liegt Meat Cove – die nördlichste dauerhaft bewohnte Siedlung Nova Scotias. Schon die Zufahrt ist ein Erlebnis. Die Straße wird schmaler, die Landschaft immer wilder und irgendwann hat man tatsächlich das Gefühl, am Ende der Welt angekommen zu sein.

Unser Stellplatz übertraf schließlich alle Erwartungen.

Auf einer erhöht gelegenen Betonplatte fanden wir einen Platz mit nahezu 270 Grad Panoramablick hoch über dem Atlantik. Einer jener seltenen Orte, an denen man morgens aufwacht und zunächst einfach nur aus dem Fenster schaut, weil die Aussicht jedes Foto übertrifft.

Das Wetter spielte hervorragend mit und bescherte uns zwei traumhafte Tage.

Besonders beeindruckend waren die täglichen Walsichtungen. Mehrfach konnten wir die Tiere vor der Küste beobachten. Leider präsentierten sie sich stets recht zurückhaltend und zeigten uns meist nur ihre Rücken und Finnen. Für spektakuläre Sprünge oder Flossenschläge hatten die Meeressäuger offenbar andere Zuschauer eingeladen.

Trotzdem bleibt jede Sichtung ein ganz besonderer Moment.

19.06. – 20.06.2026 – Die Westseite des Cabot Trails

Der nächste Abschnitt führte uns entlang der Westküste von Cape Breton Island.

Der Tag begann wenig vielversprechend. Dichter Nebel und Regen sorgten zunächst dafür, dass die berühmten Ausblicke eher unserer Fantasie überlassen blieben.

Doch wie so oft in Küstenregionen änderte sich das Wetter innerhalb weniger Stunden komplett. Die Wolken rissen auf, die Sicht wurde besser und nach und nach präsentierte sich die Landschaft wieder von ihrer schönsten Seite.

Am Abend erreichten wir den Leuchtturm von Chéticamp auf der vorgelagerten Chéticamp Island.

Auch hier fanden wir einen wunderschönen Stellplatz direkt an der Küste. Zahlreiche Besucher kamen vorbei, und schnell entwickelten sich wieder die inzwischen fast täglichen Gespräche über unseren Unimog, unsere Reise und die Frage, wie man auf die Idee kommt, mit einem deutschen Expeditionsmobil durch Kanada zu fahren.

Und natürlich gab es erneut Wale zu sehen.

Diesmal wieder die Finnen.

Wir beginnen langsam zu vermuten, dass die kanadischen Wale untereinander abgesprochen haben, uns ihre spektakulären Seiten konsequent vorzuenthalten.

20.06. – 21.06.2026 – Auf dem Weg zum Minas Basin

Nach den Küstenlandschaften von Cape Breton stand ein größerer Fahrtag auf dem Programm.

Rund 450 Kilometer lagen vor uns, als wir uns auf den Weg Richtung Minas Basin westlich von Truro machten.

Unterwegs wurden zunächst die Vorräte ergänzt. In Antigonish fanden wir endlich Nachschub für unsere vierbeinigen Mitreisenden, und im Gebiet der Millbrook First Nation deckten wir uns mit vergleichsweise günstigem Tabak und Zigaretten ein.

Am Abend fanden wir schließlich einen ruhigen Stellplatz mitten im Wald, nur wenige Gehminuten vom Meer entfernt. Die Umgebung bot erneut zahlreiche Wanderwege, sodass wir schnell beschlossen, gleich zwei Nächte zu bleiben.

Die Mischung aus Wald, Küste und absoluter Ruhe machte den Platz zu einem weiteren kleinen Highlight unserer Reise.

Fazit zum Cabot Trail

Der weltberühmte Cabot Trail wird seinem Ruf zweifellos gerecht, wenn es um fantastische Panoramen, beeindruckende Küstenlandschaften und abwechslungsreiche Streckenführung geht.

Die Fahrt zählt ohne Frage zu den schönsten Straßen, die wir bisher erlebt haben.

Trotzdem würden wir persönlich die oft gehörte Aussage, es handele sich um die schönste Straße Nordamerikas oder gar der Welt, etwas relativieren. Vielleicht waren die Erwartungen im Vorfeld einfach zu hoch.

Der Cabot Trail ist wunderschön, keine Frage. Aber manche Werbebroschüren und Reiseberichte versprechen noch ein kleines bisschen mehr, als die Realität letztlich liefern kann.

Was bleibt, sind dennoch unzählige großartige Eindrücke, fantastische Stellplätze und die Gewissheit, einen der bekanntesten Roadtrips Kanadas erlebt zu haben.

Ausblick

Als Nächstes wartet bereits das nächste Naturwunder auf uns:

Der Fundy National Park und die berühmte Bay of Fundy.

Hier sorgt die besondere Form der Bucht für den weltweit größten Tidenhub. Im Durchschnitt steigt und fällt das Wasser um 10 bis 13 Meter. Bei außergewöhnlichen Bedingungen wurden sogar Unterschiede von bis zu 16 Metern gemessen.

Wir sind gespannt, wie es aussieht, wenn dort Milliarden Tonnen Meerwasser zweimal täglich in die Bucht hinein- und wieder herausströmen.

Die nächste Etappe verspricht also erneut Naturgewalten der besonderen Art
… und wir sind gespannt, ob die Hopewell Rocks ihrem weltweiten Ruf wirklich gerecht werden.

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