Oktober 2026
Durch Port Arthur in die Einsamkeit
Am 1. Oktober verließen wir die Umgebung von New Orleans und fuhren weiter westwärts an die texanische Golfküste. Unser Ziel waren der Sea Rim State Park und das benachbarte McFaddin National Wildlife Refuge südlich von Port Arthur. Unser RV-Resort lag im Sea Rim State Park, einsam und gut versteckt. Wir waren fast die einzigen Gäste – und genau diese Ruhe gefiel uns so gut, dass aus der geplanten einen Nacht schließlich drei wurden.
Die Anfahrt durch Port Arthur bildete dazu einen bemerkenswerten Gegensatz. Über viele Kilometer reihten sich Raffinerien, Tanks, Pipelines und Hafenanlagen aneinander. Einmal führte die Straße sogar mehrere Kilometer mitten durch ein Industriegebiet. Zwischen den Rohrbrücken, Kolonnen und riesigen Lagerbehältern bekamen wir einen unmittelbaren Eindruck davon, wie eng hier Energie, Schifffahrt und Landschaft miteinander verbunden sind.
Der Raffineriegürtel am Golf von Mexiko
Port Arthur gehört zusammen mit Beaumont und den übrigen Küstenstandorten zu einem der wichtigsten Raffineriegebiete der Vereinigten Staaten. Nach Angaben der U.S. Energy Information Administration befindet sich mehr als die Hälfte der amerikanischen Raffineriekapazität an der Golfküste. Dort werden große Mengen Benzin, Diesel und weitere Mineralölprodukte erzeugt.
Diese Kraftstoffe sind für viele Märkte bestimmt. Ein erheblicher Teil gelangt über Pipelines, Tanker und Binnenschiffe an die US-Ostküste – besonders nach Florida –, außerdem in den Mittleren Westen und auf ausländische Märkte. Die Colonial- und Plantation-Pipelines zählen zu den bedeutenden Leitungen Richtung Osten. Unsere Vermutung, dass ein großer Teil des Diesels aus Port Arthur direkt für Europa bestimmt ist, lässt sich so pauschal nicht bestätigen. Die Golfküste ist zugleich Inlandsversorger, Umschlagplatz und Exportregion. Welche Ladung wohin geht, hängt von Nachfrage, Preisen, Lagerbeständen und den verfügbaren Transportwegen ab.



Wo die Salzmarsch auf das Meer trifft
Hinter dieser Industrielandschaft beginnt eine völlig andere Welt. Sea Rim liegt dort, wo die Salzmarsch auf den Golf trifft. Flache Dünen, Strand, Lagunen und weitläufige Feuchtgebiete gehen ineinander über. Im Sea Rim State Park gibt es brackige und fast süße Marschen, Gezeitengräben und flache Seen. Pflanzen wie Gulf cordgrass, Salzwiesengräser und Schilf halten den Boden zusammen und bieten vielen Tieren Deckung und Nahrung.
Das benachbarte McFaddin National Wildlife Refuge schützt mehr als 58.000 Acres Küstenlandschaft und eine der größten verbliebenen Süßwassermarschen der texanischen Küste. Die flachen Wasserflächen und Marschen sind wichtige Rast- und Überwinterungsgebiete für Zugvögel der Central Flyway. Reiher, Löffler, Enten, Gänse, Seeschwalben und viele weitere Wasser- und Watvögel nutzen das Gebiet. Im Herbst kann man hier mit etwas Glück eine erstaunliche Vielfalt beobachten.
Unsere tierischen Nachbarn
Direkt an unserem Stellplatz lebten offenbar einige besonders futterorientierte Vögel. Sie kamen regelmäßig vorbei und machten den Eindruck, als hätten sie unseren Platz als zusätzliche Futterstelle eingeplant. Dazu gesellte sich ein Waschbär, der ebenfalls sehr genau wusste, wo sich ein Besuch lohnen könnte.
Beim Abendspaziergang entdeckten wir dann gleich zwei kleine Alligatoren im Wasser. In dieser Landschaft sind Amerikanische Alligatoren heimisch; auch Waschbären, Fischotter, Bisamratten und Kojoten gehören zur Tierwelt der Marschen. Die beiden kleinen Reptilien wirkten aus sicherer Entfernung eher neugierig als bedrohlich, erinnerten uns aber daran, dass wir uns hier in einem echten Wildlebensraum aufhielten.



Sandbraunes Wasser und drei ruhige Tage
Schwimmen stand bei uns trotzdem nicht auf dem Programm. Das Ufer fiel extrem flach ins Wasser ab, und die starke Brandung wirbelte große Mengen Sand auf. Der Golf von Mexiko war dadurch sandig-braun. Die Färbung war vor allem das sichtbare Ergebnis der flachen Küste, der Wellen und der bewegten Sedimente.
Wir genossen deshalb lieber die Ruhe am Platz, die Vögel, den Waschbären und die kleinen Alligatoren im Wasser. Nach den lauten und technisch geprägten Eindrücken von Port Arthur war dieser einsame Küstenabschnitt ein ungewöhnlicher, aber ausgesprochen schöner Gegenpol. Drei Nächte blieben wir schließlich – und hätten gegen noch ein paar weitere ruhige Tage vermutlich nichts einzuwenden gehabt.


