Gebrochener Flügel am Montauk Beach

Ich sah sie, eine Möwe mit einem gebrochenen Flügel. Erst dachte ich, hm, gibt sich vielleicht wieder, es war der 14. August, abends. Sie war ganz alleine am Strand, nur eine andere Möwe hielt sich in Ihrer Umgebung auf. Bereits abends fing ich an zu recherchieren mit Hilfe von ChatGPT. Mit Möglichkeiten anzurufen und Info’s über Zuständigkeiten auf der Halbinsel Long Island, die Insel der Reichen und Schönen, begann ich zunächst die Campground Rezeption zu informieren. Sie gaben an, dass sie die zuständige Wildlife Rescue Organisation informiert habe und man sich kümmert. Super, dachte ich, so kennen wir ja auch Amerika, Kompetent in Wildtierrettung. Da nichts passierte, rief ich am nächsten Tag nochmal an und bekam die Information, das ist nur eine Möwe, das ist Natur, die Organisation wolle nichts unternehmen und der Campground Inhaber auch nicht. Entsetzt hielt ich inne. Was jetzt. In mir stieg die Wut hoch und wie ich es gelernt habe, atmete ich erst einmal tief ein und ließ es sacken. Noch am Freitag nachmittag begann ich eine Welle zu schlagen. Ich erreichte niemanden. Allenfalls auf ein Anrufbeantworter konnte ich sprechen, aber meistens ging niemand ans Telefon oder die Nummer war nicht mehr gültig. 

Und dann gab es einen kurzen Lichtblick. Hinter unserem Stellplatz hatte sich noch ein Overlander platziert, bei einem Spaziergang unterhielten wir uns kurz, da er einen deutschen Pointer als Hund hatte kamen wir schnell aufs Thema Tiere. Ich zeigte auf die verletzte Möwe und das Dilemma, dass niemand ihr helfen will, ja, sagte er, nur eine Möwe und so alleine in der Bucht wird sie eventuell ein Fuchs holen. Nein, sagte ich, wir Menschen sind hier und somit müssen wir zuschauen wie sie stirbt. Dann erzählte er mir von seinem Vater, der eine Vogelaufzucht Sation hatte und er sich auskennt mit Vögeln, mir aber weiter nicht helfen kann, höchstens, er fängt sie für mich ein. Gesagt, getan, mit einem geschickten Griff, den er mir beibrachte konnte ich sie aus der Bucht mitnehmen. Was nun? Entschlossen stapfte ich Richtung Rezeption, die Möwe eingepackt in eine Hundedecke, denn sie hatte schon mich und Wolf gebissen, ich musste sie davon abhalten. Unterwegs kam ich an einer Möwenkolonie vorbei und plötzlich konnte ich nicht mehr weitergehen. Angewurzelt blieb ich stehen und starrte auf die Möwenansammlung, die mir neugierige Blicke zuwarf und dachte so, irgendwie muss es eine Lösung geben. Kurz entschlossen setzte ich sie ab und ließ sie zu ihren Kameraden gehen, was sie erleichtert und froh annahm. Ein paar der Möwen stellten sich sofort schützend an ihre Seite und ich ging erst einmal beruhigter zurück, denn im Verbund wird sie eine größere Überlebenschance haben. Am Sonntag versuchte ich noch per e-mail alle möglichen großen Rescue Organisationen, auch in Washington und New York zu erreichen, schließlich waren sie in der Nähe. Und: ich suchte in Facebook nach Gruppen, sowohl örtliche als auch Wildlife Rescue Gruppen. Die meisten nahmen meine Mitgliedschaft zunächst nicht an, nur eine Gruppe postete direkt meinen Beitrag, es gab viele Fragen dazu. Nichts geschah. Am Montag dann mussten wir zum Einkaufen an dieser Kolonie vorbei, die Möwe war noch da. Aufgeregt begann ich erneut zu recherchieren und fand heraus, dass es eine Tierklinik in der Nähe gab, die solche Fälle aufnimmt. Ich rief an, das niederschmetternde Ergebnis: ich soll die Möwe bringen. Mein sachkundiger Nachbar war am Sonntag abgereist und ich wußte nicht weiter. Unter Tränen klagte ich mein Leid, woraufhin die Person am Telefon mir die geeignete Telefonnummer der zuständigen Organisation, in der Evelyn Alexander Wildlife Rescue Center, gab. Dann kam sehr schnell Fahrt in diese Geschichte. Sie versprach mir einen Volunteer zu schicken. Er kontaktierte mich und anhand des Fotos und den hinterlegten GPS Daten konnten wir den genauen Standort durchgeben. Wenig später meldete er, er hat sie gefunden und mitgenommen. Sie ist gerettet. Von meinem Overlander Nachbarn weiß ich, dass sie vier Wochen benötigt, bis sie wieder fliegen kann. Inzwischen stellte sich heraus, dass auch eine Leserein der Facebook Gruppe telefonischen Kontakt zur Organisation aufgenommen hatte, Annaliese bat ebenfalls um Hilfe. Eine E-Mail, die ich an die Campground Organisation sendete wurde mittlerweile beantwortet. Beide Mails seht ihr nachfolgend.

Von mir:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte mich mit einem Anliegen an Sie wenden, das einen Vorfall auf dem Campingplatz betrifft und mich wirklich sehr beschäftigt hat.

Gestern fanden wir am Strand eine Möwe, die offensichtlich verletzt und nicht mehr flugfähig war. Ich rief dreimal an und fragte, ob jemand kommen und dem Tier helfen oder eine entsprechende Wildtierhilfsorganisation verständigen könne.

Schließlich wurde mir mitgeteilt, dass keine Hilfe erfolgen würde, weil „das Natur sei“.

Ich verstehe vollkommen, dass Wildtiere nach den Gesetzen der Natur leben – und manchmal auch sterben. Dennoch fällt es mir schwer, diese Antwort an einem Ort zu akzeptieren, der aktiv von Menschen genutzt und verwaltet wird.

Wir sitzen an diesem Strand, gehen dort spazieren, fahren dorthin, campen unmittelbar daneben und genießen jeden Tag seine natürliche Umgebung. Unsere Anwesenheit beeinflusst diese Umwelt zwangsläufig. Meiner Ansicht nach tragen wir deshalb auch eine Verantwortung dafür, sie zu schützen, wo dies mit vertretbarem Aufwand möglich ist.

Ich kann nicht einfach jeden Tag in meinem Stuhl sitzen und dabei zusehen, wie ein verletztes Tier langsam an Hunger, Durst oder seinen Verletzungen stirbt, wenn möglicherweise die Chance besteht, ihm zu helfen.

Als Besucherin aus Deutschland war ich von dieser Erfahrung besonders überrascht. In Europa hört man immer wieder von der hervorragenden Fachkompetenz und dem großen Engagement amerikanischer Wildtierhilfsorganisationen. Amerikanische Spezialisten wurden aufgrund ihrer Erfahrung sogar international zu schwierigen Rettungseinsätzen für Wildtiere hinzugezogen.

Und nun bin ich hier in den Vereinigten Staaten, stehe an einem bewirtschafteten öffentlichen Strand vor einem verletzten Wildtier und erhalte nach drei Anrufen lediglich die Antwort: „Das ist Natur.“

Dieser Widerspruch ist für mich schwer nachvollziehbar.

Glücklicherweise half uns schließlich ein anderer Camper, der sich mit Vögeln auskennt, die Möwe einzufangen. Wir taten, was wir konnten, um sie zu schützen, und brachten sie schließlich in die Nähe ihrer Kolonie zurück, in der Hoffnung, dass die Nähe zu den anderen Vögeln ihre Überlebenschancen verbessern würde.

Doch Besucher eines Campingplatzes sollten mit solchen Entscheidungen nicht allein gelassen werden.

Ich schreibe diese Beschwerde nicht, um einzelnen Personen Vorwürfe zu machen. Vielmehr möchte ich Sie bitten, die Vorgehensweise in Situationen wie dieser zu überdenken.

Natur zu genießen bedeutet auch, Verantwortung für sie zu übernehmen.

VG

Dann die Antwort:

Hallo Nikola,

vielen Dank für Ihre Rückmeldung.

Wir arbeiten mit mehreren Wildtierhilfsorganisationen zusammen, an die wir uns wenden können, wenn sich verletzte Wildtiere in unseren Parks befinden. Unsere Park Ranger sollten über diese Informationen verfügen. Ich werde mich darum kümmern und sicherstellen, dass ihnen unsere aktuellste Liste mit Ansprechpartnern und Telefonnummern vorliegt.

Nochmals vielen Dank für Ihre E-Mail.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche.

Hilary

Suffolk County Parks, Recreation and Conservation
Postfach 144, Montauk Highway
West Sayville, NY 11796

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